Zum Inhalt springen
Artikel·Friseur·Geschichte

Die Geschichte des Friseurhandwerks – vom Baderchirurgen zum modernen Salon

Wie das Handwerk rund um Haare und Rasur entstand und sich veränderte

Einleitung

Wenn du mit der Schere in der Hand im Salon stehst, bist du Teil eines der ältesten Handwerke überhaupt. Menschen haben einander seit Jahrtausenden geschnitten, frisiert und rasiert, aber das Fach selbst – mit Ausbildung, Werkzeugen und Regeln – entstand im Mittelalter und hat seither mehrere große Wandlungen durchlaufen. Wenn du die Geschichte kennst, verstehst du auch, warum das Fach heute so aussieht, wie es aussieht.

Der Barbier war auch Chirurg

Im Europa des Mittelalters war der Barbier nicht nur derjenige, der Haare schnitt und Bärte rasierte. Der Barbierchirurg (englisch barber-surgeon) führte auch Aderlässe durch, zog Zähne, richtete Knochen und öffnete Abszesse. Das Handwerk war früh in den Klöstern beheimatet, wo die Mönche geschoren gehalten werden mussten, und als die Kirche 1215 Geistlichen blutige Eingriffe verbot, übernahmen die Barbiere einen großen Teil der praktischen 'Chirurgie'. Deshalb spielt die klassische rot-weiße Barbierstange noch immer auf Blut und Verbände an.

Die Zunftzeit – das Handwerk wird organisiert

Wie die meisten Handwerke wurde das Barbier- und Friseurhandwerk in Zünften organisiert. Schon früh im Mittelalter bildeten sich unter anderem in Frankreich und England Barbierzünfte, die Anforderungen an Ausbildung, Qualität und Ethik festlegten. Barbier wurde man nicht von einem Tag auf den anderen: Man ging mehrere Jahre bei einem Meister in die Lehre, lernte durch Zusehen und Mithelfen und arbeitete sich allmählich hoch. Die Zünfte trennten mit der Zeit die Barbiere von den eigentlichen Chirurgen, und das Barbierhandwerk entwickelte sich zu dem hin, was wir heute als Frisieren, Haareschneiden und Bartpflege verstehen.

So hat man es in alten Zeiten gemacht

Vor der Elektrizität waren alle Geräte handbetrieben. Man schnitt mit handgeschmiedeten Scheren, rasierte mit einem Rasiermesser, das auf einem Lederriemen scharf abgezogen werden musste, und frisierte mit Kämmen aus Horn, Knochen oder Schildpatt. Haare wurden mit Eisen gelockt, die im Feuer erhitzt wurden – mit großem Risiko, das Haar zu versengen. Gefärbt wurde mit Naturmitteln wie Henna, Pflanzenfarben und eisenhaltigen Lösungen. Die Hygiene war weit von der heutigen entfernt; Wasser war nicht immer sauber, und Geräte wurden selten so desinfiziert wie heute.

  • 01Handscheren und Rasiermesser, die von Hand geschliffen und abgezogen wurden.
  • 02Lockenstab, direkt im Feuer oder über der Gasflamme erhitzt.
  • 03Natürliche Farbmittel: Henna, Pflanzenfarben und metallhaltige Lösungen.
  • 04Kämme aus Horn, Knochen und Schildpatt statt aus Kunststoff und Metall.

Die großen technischen Sprünge

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der französische Friseur Marcel Grateau eine Methode, mit heißen Zangen weiche Wellen zu legen – Marcel-Wellen –, doch die Hitze setzte dem Haar stark zu. Der ganz große Durchbruch kam, als Karl Nessler (Charles Nestle) 1906 in London eine Maschine für Dauerwellen vorstellte, die Chemie und Wärme zu haltbaren Locken kombinierte. Frühe Dauerwellmaschinen waren schwere, heiße Apparate, an die die Kundin gebunden war. Erst in den 1940er Jahren kam die ‚kalte‘ Dauerwelle mit Thioglykolsäure, die weder eine Maschine noch starke Hitze erforderte – und sie entspricht im Prinzip der Dauerwelle, die wir heute machen.

Die Elektrifizierung verändert den Salon

Die Elektrizität veränderte den Arbeitstag für immer. Die ersten elektrischen Haartrockner tauchten um die Jahrhundertwende auf und wurden in den 1920er Jahren allmählich handgehalten, wenn auch schwer und laut. 1919 erfand Leo J. Wahl die elektrische Haarschneidemaschine, und in den 1950er Jahren gehörte sie zum festen Inventar jedes Herrensalons. Gleichzeitig entwickelte die industrielle Chemie moderne oxidative Haarfarben, die dem Friseur ganz neue Möglichkeiten zum Aufhellen, Tönen und Abdecken grauer Haare gaben – und damit auch eine ganz neue Verantwortung für Sicherheit, Allergietest und korrekte Anwendung.

ZeitraumWas ist geschehen
Das MittelalterDer Barbierchirurg schneidet Haare, rasiert und führt kleinere Eingriffe durch; es entstehen Barbierzünfte.
Das 19. JahrhundertDie Salons entstehen; Marcel-Wellen mit heißen Brennscheren; natürliche Färbemittel.
Frühes 20. JahrhundertDauerwellgerät (Nessler), elektrischer Haartrockner und elektrische Haarschneidemaschine.
Mitte des 20. JahrhundertsKalte Dauerwelle ohne Maschine; moderne chemische Haarfarben setzen sich durch.
HeuteEigenständiger Beruf mit Ausbildung, Hygieneanforderungen, Arbeitsschutzregeln und anspruchsvollen Produkten.

Das Friseurhandwerk heute

Heute ist Friseur ein eigenständiges, anerkanntes Handwerk mit formeller Ausbildung, das klassische Techniken mit Chemie, Farbenlehre, Hygiene und Kundenservice vereint. Das Fach ist nicht mehr mit der Chirurgie verbunden, sondern mit Ästhetik, Pflege und Beratung. Dafür sind starke Anforderungen an die Arbeitsumwelt hinzugekommen: Handekzeme und Allergien durch Wasser, Farben und Blondiermittel sind ein bekanntes Berufsrisiko, und die Verwendung von Handschuhen, Lüftung und Sicherheitsdatenblättern ist heute ein ebenso selbstverständlicher Teil des Fachs wie die Schere. Die historische Linie von der Unterweisung in der Barbierzunft bis zur heutigen Ausbildung ist noch deutlich: Man lernt das Fach bei jemandem, der es bereits kann.

Der rote Streifen an der Barbierstange erinnert uns daran, dass das Friseurhandwerk einst Hand in Hand mit der Chirurgie ging – heute ist es ein Handwerk rund um Haar, Ästhetik und Pflege.