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PIR und PUR

Polyurethanschaum für kalte Rohre und Fernwärme

2026-03-28·6 Min Lesezeit

Kennzahlen

11

λ (deklariert, gealtert bei 10 °C)

** 0,025-0,030 W/(m·K) für PUR; 0,022-0,028 W/(m·K) für PIR [Kingspan Kooltherm Data Sheet; logstor.com]

λ (initial, frisch bei 10 °C)

** bis hinunter zu 0,021-0,025 W/(m·K) [kingspan.com]

Temperaturgrenze

** PUR ~90-100 °C kontinuierlich (Zersetzung ab ~200 °C); PIR ~120 °C kontinuierlich, Spitze 140-150 °C (Zersetzung ab ~300 °C) [products.pcc.eu, logstor.com]

Brandklasse

** PUR ohne Brandhemmer typischerweise Klasse **E**; brandhemmend ausgerüstetes PIR kann **B-s1,d0** oder **B-s2,d0** erreichen [bygningsfysik.dk, scandisupply.dk]

Zellstruktur

** 95-98 % geschlossene Zellen — nahezu dampfdicht (μ ≈ 30-100)

Dichte

** PUR-Rohrschalen 30-50 kg/m³; PIR 40-80 kg/m³; FW-PUR 60-80 kg/m³

Produkt­norm

** DS/EN 13165 (Platten für Bauwerks­isolierung); DS/EN 14314 (Rohrschalen)

FW-Rohrnormen

** DS/EN 253, 448, 488, 489, 13941, 14419 (eigenes Regelwerk — NICHT unter DS 452)

Treibgas heute

** Cyclopentan (λ ≈ 0,012-0,015 W/(m·K)) oder CO₂ [provak.no]

Erwartete Lebensdauer

** 50+ Jahre für korrekt installiertes FW-PUR

Erfunden

** 1937 von Otto Bayer bei IG Farben

PIR und PUR sind geschlossenzellige Schäume mit sehr niedrigem λ-Wert. Sie werden in vorgedämmten Fernwärmerohren und für Kälterohre verwendet, aber Brandklasse und Temperaturgrenzen setzen die Rahmenbedingungen.

Was ist Polyurethan? — die chemischen Grundlagen

Polyurethan (abgekürzt PUR) ist eine Familie von Kunststoff­polymeren, die durch eine chemische Reaktion zwischen zwei flüssigen Grundkomponenten entsteht:

  1. Einem Polyol — einem Alkohol mit mehreren Hydroxyl-Gruppen (-OH)
  2. Einem Isocyanat — einer Chemikalie mit reaktiven (-N=C=O)-Gruppen, typischerweise MDI (Methylen-diphenyl-diisocyanat) oder TDI (Toluol-diisocyanat)

Wenn die beiden Komponenten gemischt werden, reagiert die -OH-Gruppe mit der -N=C=O-Gruppe und bildet eine Urethan-Bindung (-NH-CO-O-). Die Reaktion ist exotherm (gibt Wärme ab), sie geschieht innerhalb von Sekunden bis Minuten, und das Ergebnis ist ein festes Kunststoff­polymer. Es ist diese Urethan-Bindung, die der gesamten Familie ihren Namen gegeben hat.

Das Interessante ist, dass man den Prozess steuern und damit die Produkt­eigenschaften beeinflussen kann, indem man Folgendes anpasst:

  • Das Verhältnis zwischen Polyol und Isocyanat
  • Den Typ des Polyols (kurze Kette vs. lange Kette → weich vs. hart)
  • Die Zugabe eines Treibmittels (Treibgas) → ergibt porösen Schaum
  • Katalysatoren → steuern die Reaktions­geschwindigkeit und den Bindungs­typ
  • Zusatzstoffe wie Brandhemmer, UV-Stabilisatoren, Pigmente

Das Ergebnis ist eine bemerkenswert flexible Material­familie. Dieselbe Grund­chemie kann ergeben:

  • Hartschaum (Kühlschrank, FW-Rohre, Dachisolierung von Bauplatten)
  • Weichschaum (Sofakissen, Matratze, Autositze)
  • Klebstoff und Fugenmasse (PUR-Kleber, Schuhsohlen-Kleber)
  • Farbe und Lack (PUR-Lack für Holz und Metall)
  • Elastomere (Skirollen, Förderbänder, Dichtungsringe)
  • Fasern und Textilien (Spandex / Lycra)

In der technischen Isolierung wird ausschließlich die harte, geschlossen­zellige Schaumform verwendet — das ist der steife, gelbe oder cremeweiße Schaum, den man in einer aufgeschnittenen FW-Rohrschale sieht.

Otto Bayer und die Erfindung im Jahr 1937

PUR wurde in Deutschland im Jahr 1937 von dem Chemiker Otto Bayer (1902-1982) bei IG Farben in Leverkusen entdeckt — dem Unternehmen, das später zur Bayer AG wurde. Die Entdeckung war ursprünglich eine Alternative zum amerikanischen Nylon (Du Ponts kürzlich patentierte Polyamid-Faser). Das Bayer-Team fand die Diisocyanat-Polyaddition als eine völlig neue Polymerisations­methode, und das öffnete die Tür zu einer ganzen Familie von Materialien.

Die industrielle Produktion von PUR-Schaum begann erst in den 1950er Jahren richtig. In den 1960er-70er Jahren setzte sich der PUR-Schaum dann ernsthaft als Isolierungs­material durch — zuerst in Kühlschränken, dann in Fernwärme­rohren und Bau­konstruktionen. In den 1970er-80er Jahren wurde PIR (Polyisocyanurat) als brandsicherere Variante für dieselbe Anwendung entwickelt, und diese Umstellung fiel mit verschärften Brand­anforderungen in den nordeuropäischen Bau­ordnungen zusammen.

PUR vs PIR — der entscheidende Unterschied

Der Unterschied zwischen PUR und PIR ist kein neues Grund­material, sondern eine Anpassung der Reaktions­rezeptur:

  • PUR: etwa gleich großes Molverhältnis von Isocyanat und Polyol → Urethan-Bindungen dominieren → "gewöhnlicher" Polyurethan-Schaum
  • PIR: großer Überschuss an Isocyanat (typischerweise 1,5-3-fache Polyol-Menge) + ein Katalysator, der die Isocyanat-Isocyanat-Reaktion fördert → ein Teil der Isocyanate reagiert miteinander in einer Trimerisierung und bildet Isocyanurat-Ringe — eine dichte sechs­eckige Ring­struktur mit drei Stickstoff-Atomen

Die Trimerisierung ist der Schlüssel. Der Isocyanurat-Ring ist thermisch und chemisch wesentlich stabiler als die lineare Urethan-Bindung. Das liegt an mehreren Dingen:

  1. Aromatisch-ähnliche Stabilität — die Ringstruktur ist energetisch günstig, ebenso wie der Benzol-Ring
  2. Höherer Stickstoff­gehalt — stickstoff­reiche Polymere brennen schlechter als reine Kohlenwasserstoff­ketten
  3. Stärker vernetztes Netzwerk — schwerer zu schmelzen und zu verformen

Konkrete Folgen:

EigenschaftPURPIR
Kontinuierliche Betriebstemp.90-100 °C120 °C (Spitze 140-150 °C)
Pyrolyse­temperatur~200 °C~300 °C
Brandklasse ohne BrandhemmerFE
Brandklasse mit BrandhemmerD oder CB-s1,d0 bis B-s2,d0
BrandverhaltenSchmilzt, tropft, brennt schnellBildet eine verkohlte Schicht, begrenzt die Flammenausbreitung
PreisBasis15-30 % teurer

Beim λ-Wert ist der Unterschied gering — die Zellstruktur und das Treibgas sind weitgehend dieselben. PIR liegt typischerweise 1-3 Hundertstel niedriger als PUR, aber nicht viel. Der ganz große Unterschied liegt im Brand- und Temperatur­bereich.

Faustregel: PUR für verdeckte und Niedertemperatur­anwendungen (typischerweise FW im Erdreich). PIR dort, wo Brand ein reales Risiko ist oder die Temperatur über 100 °C steigt.

Geschlossen­zelliger Schaum — die Physik hinter dem niedrigen λ

Der niedrige Lambda-Wert von PUR/PIR liegt nicht daran, dass das Polymer­material selbst besonders gut isoliert — die "eigene" Wärmeleitung der Polymere liegt tatsächlich bei etwa 0,20-0,25 W/(m·K), also 10-mal schlechter als der fertige Schaum. Das Geheimnis ist die Struktur.

Ein Stück harter PUR-Schaum besteht aus Milliarden mikroskopisch kleiner geschlossener Zellen — typischerweise 0,1-0,5 mm im Durchmesser — getrennt durch dünne Polymer-Wände. Jede Zelle enthält eine gas­gefüllte Blase. Wenn Wärme durch den Schaum transportiert werden soll, geschieht das über vier Mechanismen:

  1. Leitung durch die Polymer­wände (~30-40 % der Gesamtmenge)
  2. Leitung durch das Gas (~40-50 % der Gesamtmenge)
  3. Konvektion in den Zellen (nahezu 0 — die Zellen sind zu klein, als dass das Gas zirkulieren könnte)
  4. Strahlung zwischen den Zellwänden (~10-20 %)

Es ist das Treibgas, das den Ausschlag gibt. Während das Lambda von Luft etwa 0,026 W/(m·K) beträgt, liegen Fluor­kohlenwasserstoffe (die alten FCKW) bei 0,008-0,010, und Cyclopentan — der moderne Ersatz — bei 0,012-0,015 W/(m·K). Eine mit Cyclopentan gefüllte Zelle leitet also 40-50 % weniger Wärme als eine mit gewöhnlicher Luft gefüllte Zelle.

Das ist der Grund, warum man ein Gesamt-Lambda bis hinunter zu 0,022 W/(m·K) für frische PIR-Schalen erreicht — es ist eine Kombination aus geschlossenen Zellen, dichtem Polymernetz und einem schweren Gas mit niedriger Wärmeleitung.

Zum Vergleich: Mineralwolle hat normalerweise λ ~0,033-0,040. PUR/PIR isoliert also etwa 20-35 % besser pro Millimeter — der einzige Bereich, in dem PIR/PUR Mineralwolle bei der physikalischen Leistung schlägt.

Alterung und Treibgas — der KRITISCHE Punkt für die Dimensionierung

Hier wird es fachlich wichtig. Das Treibgas in den Zellen bleibt nicht für immer in den Zellen. Es diffundiert langsam heraus durch die Polymer­wände, und gleichzeitig diffundieren N₂ und O₂ der Luft hinein. Es ist ein irreversibler Prozess — im Laufe der Zeit wechselt der Inhalt der Zellen von "reinem Cyclopentan" zu einer "Mischung mit steigendem Luftanteil".

Die Folge: Lambda steigt.

ZeitpunktZellgasλ bei 10 °C
Initial (direkt nach der Produktion)~95 % Pentan0,021-0,025 W/(m·K)
Nach 5-10 Jahren~60-70 % Pentan0,024-0,027 W/(m·K)
Nach 25 Jahren (declared)~30-50 % Pentan0,025-0,030 W/(m·K)
Worst Case (50+ Jahre, evtl. Feuchtigkeit)~10-20 % Pentan + Wasser­dampf0,032-0,038 W/(m·K)

Die Diffusions­geschwindigkeit hängt ab von:

  • Dicke und Dichte der Zellwände — gute Produktionsqualität → langsamere Alterung
  • Schutz­barriere — Aluminium­folie ist nahezu diffusions­dicht und bremst die Alterung drastisch
  • Temperatur — Wärme beschleunigt die Diffusion
  • Schaum­dicke — dickerer Schaum bedeutet einen längeren Diffusionsweg für das Gas

Hersteller sind verpflichtet, ein declared λ ("deklariertes" oder "gealtertes" λ) anzugeben — einen Wert, der dem entspricht, was man nach etwa 25 Jahren unter simulierten Betriebsbedingungen erwarten kann. Die Messmethode ist in EN ISO 8497 (für Rohrschalen) und EN 253 (speziell für FW-Rohre) festgelegt.

FACHLICHE KERNREGEL: Bei der Dimensionierung musst du IMMER das deklarierte, gealterte λ verwenden. Niemals den frischen Initialwert, der oft im Marketing­material gezeigt wird. Wenn du mit 0,022 W/(m·K) rechnest und das Produkt 25 Jahre später bei 0,028 liegt, hast du den Wärmeverlust um ~27 % unterschätzt — und der Kunde bekommt eine Heizkosten­rechnung, die viel höher ist als erwartet.

Bei Logstor-FW-Rohren mit diffusions­dichter Alu-Folie kann die Alterung so langsam sein, dass λ über 30 Jahre nur einige wenige Prozent steigt [logstor.com]. Bei einer einfachen PUR-Schale ohne Barriere kann die Alterung innerhalb von 10-15 Jahren signifikant sein.

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Quellen

Lokale Dokumente

  • Brand_rørgennemføring.pdf (Brian Schiøtt, DBI) — Fotodokumentation eines Brandtests einer PVC-Rohrdurchführung, abgedichtet mit Polyurethan-Montageschaum vs. Brandmanschette. Polyurethan brennt in ~3 Minuten durch und entwickelt giftigen Rauch
  • Passiv Brandbeskyttelse af stålkonstruktioner.pdf (Flemming Rasmussen, 13-09-2023) — Conlit-System, Brandklassen, BR-95/BR18, kritische Stahltemperatur, ISO 1182-Test

Web-Quellen (verifiziert)

Normen

  • DS/EN 13165 — Werkmäßig hergestellte harte PUR/PIR-Schaum­produkte für die Bauwerks­isolierung (Platten)
  • DS/EN 14314 — Werkmäßig hergestellte PUR-Rohrschalen
  • DS/EN 253 — Vorisolierte FW-Rohre, bonded single pipes
  • DS/EN 448 — FW-Fittings
  • DS/EN 488 — FW-Ventile
  • DS/EN 489 — FW-Verbindungen
  • DS/EN 13941 — Dimensionierung und Verlegung von FW
  • DS/EN 14419 — Leckage­überwachung für FW
  • DS/EN ISO 8497 — Wärme­durchgang für Rohrschalen, inkl. Alterung
  • DS/EN 13501-1 — Brand­klassifizierung (Euroclass A1-F)
  • DS/EN 1366-3 — Brandtest von Rohrdurchführungen
  • BR18 — Bauordnung, besonders §82-158 (Brand)
  • DS 452 — Thermische Isolierung technischer Installationen (gilt NICHT für FW)
  • DS 428 — Brandtechnische Maßnahmen bei Lüftungsanlagen

Vorbehalt

Die Brand­informationen in diesem Artikel sind lebenskritisch und basieren auf dokumentierten Quellen und Normen. [USIKKER]-Markierungen kennzeichnen Punkte, an denen sich die genaue Paragraphen­verweisung oder der Zahlenwert bei einer Normrevision ändern kann — bestätige immer gegen die geltende EN 13501-1 und BR18-Version vor der Projekt­anwendung. Konkrete Giftgas-Konzentrationen (HCN-Tödlichkeits­schwelle, NOx-Grenzwerte) sind richtungsweisend; für die Projektierung mit einem Brand­szenario kontaktiere DBI oder einen projektierenden Brand­ingenieur.

Konkrete Zahlen für den Trimerisierungs-Anteil, den PIR-Isocyanat-Überschuss (1,5-3×) und die Pyrolyse-Temperaturen können zwischen PUR/PIR-Fabrikaten variieren. Die Pyrolyse­temperatur für PUR bei 200 °C ist eine praktische Grenze für die "beginnende Zersetzung"; eine vollständige Dekomposition erfordert höhere Temperaturen. Die 300 °C von PIR sind entsprechend ein praktischer Richtwert. [USIKKER] für die genauen Grenzen pro Fabrikat — prüfe das Produkt­datenblatt.