Digitale Barrierefreiheit für grafische Lieferungen
Wenn das Design auch von allen am Bildschirm genutzt werden können soll
Einleitung
Immer mehr von dem, was ein Mediengrafiker macht, landet auf einem Bildschirm: Websites, Apps, Newsletter, soziale Medien und digitale Dokumente. Hier gibt es eine zusätzliche Dimension über Ästhetik und Technik hinaus: der Inhalt muss von allen genutzt werden können — auch von Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen, mit Farbenblindheit oder von solchen, die einen Screenreader verwenden. Das nennt man digitale Barrierefreiheit, und sie ist sowohl gute Praxis als auch in vielen Fällen eine gesetzliche Anforderung für öffentlich gerichtete Inhalte.
WCAG — der gemeinsame Standard
Der internationale Standard für barrierefreie digitale Inhalte ist WCAG (Web Content Accessibility Guidelines). Er beschreibt, wie Inhalte wahrnehmbar, bedienbar, verständlich und robust gemacht werden, und teilt die Anforderungen in Stufen zunehmender Strenge ein. Viele öffentliche und öffentlich geförderte Lösungen müssen eine bestimmte Stufe erfüllen — wenn du also für so etwas gestaltest, steht Barrierefreiheit nicht zur Diskussion, sondern ist Teil der Lieferung.
Kontrast und Lesbarkeit
Eine der greifbarsten WCAG-Anforderungen betrifft den Kontrast zwischen Text und Hintergrund. Hellgrauer Text auf weißem Hintergrund kann elegant aussehen, für viele aber unlesbar sein. WCAG nennt konkrete Mindestanforderungen an das Kontrastverhältnis, und die Anforderung ist für großen/fetten Text milder als für kleinen Fließtext. Prüfe deine Farbwahl mit einem Kontrastwerkzeug gegen den geltenden Grenzwert, statt sie nach Augenmaß zu beurteilen.
Farbe darf nicht allein stehen
Ein durchgehendes Prinzip ist, dass Farbe nie die einzige Art sein darf, auf die eine Botschaft vermittelt wird. Markierst du zum Beispiel Fehler mit Rot und Richtiges mit Grün, nimmt eine rot-grün-blinde Person den Unterschied nicht wahr. Füge deshalb immer ein zusätzliches Signal hinzu: ein Symbol, einen Text, ein Muster oder eine Form. Das gilt auch für Grafiken und Diagramme, in denen Kategorien nicht allein durch Farbe unterschieden werden sollten.
Alternativtext und Struktur
- 01Gib bedeutungstragenden Bildern einen beschreibenden Alternativtext, damit ein Screenreader den Inhalt vermitteln kann.
- 02Rein dekorative Bilder werden so markiert, dass der Screenreader sie überspringt.
- 03Verwende eine korrekte Überschriftenstruktur (Ebenen in der richtigen Reihenfolge), nicht einfach großen, fetten Text.
- 04Sorge dafür, dass die Lesereihenfolge logisch ist, auch wenn das Layout visuell komplex ist.
- 05Mach Links und Schaltflächen aussagekräftig — vermeide 'hier klicken' ohne Kontext.
Barrierefreie PDFs und Dokumente
Barrierefreiheit gilt nicht nur für Webseiten. Auch ein digitales Dokument — zum Beispiel ein PDF — muss so aufgebaut sein, dass ein Screenreader es lesen kann: mit echtem Text statt Text als Bild, einer korrekten Lesereihenfolge, beschriebenen Bildern und einer logischen Struktur mit Überschriften. Ein schönes, aber 'flaches' Dokument, das nur ein Bild einer Seite ist, ist unzugänglich, egal wie gut es aussieht.
Barrierefreiheit ist gutes Design
Es ist ein verbreitetes Missverständnis, dass Barrierefreiheit Design hässlich oder langweilig macht. Im Gegenteil: starker Kontrast, klare Struktur, lesbare Typografie und Botschaften, die nicht allein auf Farbe beruhen, sind Kennzeichen von gutem Design für alle. Denkst du Barrierefreiheit von Anfang an mit, statt sie zum Schluss aufzuflicken, wird sie selten zu einer Einschränkung — sie wird zu einem Qualitätssiegel.
“Barrierefreies Design ist kein Design für die wenigen — es ist Design, das für die vielen funktioniert, einschließlich derer, die andere vergessen.”
— Prinzip der digitalen Barrierefreiheit